Kristalle züchten: Nicht so einfach, wie gedacht

Kleiner, roter Kristall - immerhin
Kleiner, roter Kristall – immerhin

Kurz vor Weihnachten lief die Werbung dauernd im Fernsehen und im Radio: Kristalle züchten – das sei mit einem Set möglich, und das Weihnachtsgeschenk Nummer 1 für Kinder. Nun bin ich schon sehr lange kein Kind mehr, aber ich fand die Kristalle so hübsch. Und weil ich keine Ahnung hatte, wie man so etwas macht, habe ich mir also ein Set gekauft. Ich hab‘ das teuerste genommen – weil da ein bekannter Name drauf stand. Und war enttäuscht, als ich erstmals hineinschaute: Es gab in der Kiste kein Innenleben, alles war einfach so hineingeschmissen. Logisch, das mag Müll sparen, sieht aber ziemlich lieblos aus.

Wildes Innenleben
Wildes Innenleben

Kristall-Züchter bräuchten eine bessere Bedienungsanleitung

Dann die Bedienungsanleitung. Am ersten Tag habe ich sie direkt wieder weggelegt: zu kompliziert. Wie soll ein Kind das verstehen? Dann habe ich angefangen mit dem ersten Kristall. Und als ich die Flüssigkeit in den mitgeschickten Becher aus dünnem Plastik schütte, merke ich, dass er zwei ganz feine Haarrisse hat. Zum Glück habe ich das über der Spüle gemacht, sonst hätte sich die Flüssigkeit über den Esszimmertisch verteilt. Allerdings war ein Großteil der Flüssigkeit dann weg – und vielleicht das der Grund, warum der erste Kristall so klein wurde.

Ein Malheur ist außerdem bei der Herstellung von Geoden passiert: Erstens sollte man kaltes Wasser „in die Schale“ schütten, die aber gar nicht mitgeliefert oder näher beschrieben wurde. Zweitens war die vorgesehene Lösung zu viel für die gegossene Betonform. Drittens ist die Plastikform, in der die Beton-Höhle samt Lösung lag, über Nacht undicht geworden, so dass unsere helle Marmorfensterbank blau war. Ich habe Stunden damit verbracht, sie mit allen möglichen Reinigungsmitteln und Schwämmen zu reinigen. Ein Rest Blau ist jedoch noch immer darauf. Gut, dass das nicht auf dem Holztisch oder den Bodenfliesen passiert ist. Und drittens sieht meine Geode nicht einmal annährend so aus, wie die auf dem Foto. Ich habe den Versuch wiederholt. Dieses Mal ist die gelbe Farbe über Nacht auf einen alten Teller geflossen, das Ergebnis aber trotzdem nicht viel besser geworden.

Beschreibung zum Kristalle züchten oft zu unspezifisch

Ich habe mich von vorne nach hinten durch die Anleitung gearbeitet – nur um festzustellen, dass die beiden Experimente ganz am Schluss viele einfacher sind als die beiden erstgenannten. Hätte ich die Anleitung geschrieben, hätte ich mit diesen angefangen. Dann bekommen Kinder oder erwachsene Nutzer zuerst ein Erfolgserlebnis, bevor sie mit anderen Experimenten nicht so tolle Ergebnisse erzielen. Eine andere Sache: die Wassertemperatur. Während bei einigen Experimenten steht, dass das Wasser nicht heißer als 60 Grad sein darf, heißt es bei anderen „kochendes Wasser“. Ist damit wirklich „kochend“ gemeint? Oder geht es nur um die 60 Grad? Und was ist „heißes Wasser“? 60 Grad? Oder mehr? Was bedeutet „Du kannst nach und nach die Bildung von Kristallen beobachten“? Innerhalb von Minuten? Stunden? Tagen oder Wochen? Ich fürchte, Kinder, die keine verständnisvollen Erwachsenen an ihrer Seite haben, werden nicht lange Spaß an diesem Set haben. Und Erwachsene müssen recht geduldig sein.